Ius strictum

Ius strictum bedeutet strenges Recht. Gemeint sind Rechtsregeln, die für einen bestimmten Sachverhalt eine klare Rechtsfolge vorgeben und nur wenig oder keinen Spielraum für eine Entscheidung nach Billigkeit lassen. Der Begriff stammt aus dem römischen Recht, wird im heutigen österreichischen Recht aber vor allem als rechtswissenschaftlicher Ordnungsbegriff verwendet. Er bezeichnet also eine Art, wie Recht aufgebaut ist: eher strikt und gebunden, nicht frei nach Zweckmäßigkeit oder Gerechtigkeit des Einzelfalls.

Was mit ius strictum gemeint ist

Von ius strictum spricht man, wenn die Rechtsanwendung eng an den Gesetzeswortlaut und die gesetzlich festgelegten Voraussetzungen gebunden ist. Wer die Tatbestandsmerkmale erfüllt, muss mit der vorgesehenen Rechtsfolge rechnen; wer sie nicht erfüllt, fällt nicht darunter.

Das Gegenstück ist eine Regelung, die ausdrücklich auf Billigkeit, Angemessenheit oder eine umfassende Interessenabwägung abstellt. Solche offenen Maßstäbe gibt es im österreichischen Recht ebenfalls. Dort ist die Entscheidung stärker auf den Einzelfall zugeschnitten.

Ius strictum ist daher nicht einfach ein eigenes Rechtsgebiet, sondern eine Beschreibung dafür, wie stark das Gesetz die Entscheidung vorzeichnet.

Wo strenges Recht in Österreich besonders wichtig ist

Besonders deutlich zeigt sich strenges Recht dort, wo der Staat in Rechte von Personen eingreift oder Sanktionen verhängt. Dann verlangt der Rechtsstaat eine besonders genaue gesetzliche Grundlage.

Im öffentlichen Recht ist dafür das Legalitätsprinzip zentral: Die gesamte staatliche Verwaltung darf nur auf Grund der Gesetze ausgeübt werden. Behörden brauchen daher eine gesetzliche Grundlage und dürfen nicht frei nach eigenem Ermessen handeln, wenn das Gesetz dafür keinen Raum lässt.

Im Strafrecht ist der Gedanke des strengen Rechts noch ausgeprägter. Strafbarkeit muss gesetzlich festgelegt sein. Eine ausdehnende Analogie zu Lasten der beschuldigten Person ist unzulässig. Gerade hier schützt strenges Recht vor unvorhersehbarer Strafverfolgung.

Auch im Verfahrensrecht gibt es Bereiche mit strikter Bindung, etwa bei gesetzlichen Fristen oder formalen Voraussetzungen. Ob eine Frist gewahrt ist oder ein Rechtsmittel zulässig eingebracht wurde, hängt oft von klaren gesetzlichen Kriterien ab und nicht davon, ob das Ergebnis im Einzelfall als besonders fair empfunden wird.

Ius strictum ist nicht automatisch zwingendes Recht

Der Begriff ius strictum sollte nicht mit zwingendem Recht gleichgesetzt werden. Zwingendes Recht bedeutet, dass von einer gesetzlichen Regel durch Vertrag oder Parteivereinbarung nicht abgewichen werden darf.

Strenges Recht meint dagegen, dass die Rechtsanwendung selbst wenig Spielraum lässt. Das sind zwei verschiedene Fragen:

  • Zwingendes Recht fragt, ob Parteien von einer Norm abweichen dürfen.
  • Ius strictum fragt, wie eng die rechtsanwendende Stelle an die gesetzliche Regel gebunden ist.

Eine Norm kann also zwingend sein, aber dennoch Wertungen oder Billigkeitserwägungen verlangen. Umgekehrt kann eine dispositive Regel in ihrer Anwendung sehr strikt aufgebaut sein.

Abgrenzung zur Billigkeit

Das österreichische Recht kennt neben strengen Regeln auch Bestimmungen, die ausdrücklich auf Billigkeit abstellen. Dann gibt das Gesetz nicht nur ein starres Schema vor, sondern erlaubt oder verlangt eine einzelfallbezogene Lösung.

Ein Beispiel dafür ist eine gesetzliche Anordnung, dass ein Gericht eine Entscheidung nach Billigkeit zu treffen hat. Dann liegt gerade kein reines ius strictum vor. Die Entscheidung bleibt zwar an das Gesetz gebunden, aber das Gesetz eröffnet bewusst einen Beurteilungsspielraum.

Der Unterschied ist für Laien wichtig: Nicht jede unklare oder schwierige Rechtsfrage ist schon Billigkeit. Billigkeit gibt es nur dort, wo das Gesetz sie zulässt oder anordnet. Fehlt eine solche Öffnung, ist die Entscheidung grundsätzlich an die gesetzlichen Voraussetzungen gebunden.

Warum der Begriff heute noch nützlich ist

Der Ausdruck ius strictum taucht in der Praxis seltener als andere Fachbegriffe auf. Inhaltlich ist er aber weiterhin nützlich, weil er einen Grundgedanken des österreichischen Rechts verständlich macht: Rechtsanwendung ist nicht freie Gerechtigkeitsschöpfung, sondern an das Gesetz gebunden.

Das gilt besonders dort, wo Vorhersehbarkeit und Rechtssicherheit wichtig sind. Bürgerinnen und Bürger sollen erkennen können, welche Rechtsfolgen das Gesetz an ein bestimmtes Verhalten knüpft. Gerade im Strafrecht und im öffentlichen Recht ist diese Bindung ein wesentlicher Teil des Rechtsstaats.

Der Begriff hilft daher vor allem beim Verständnis der Unterscheidung zwischen streng gebundenen Rechtsfolgen und gesetzlich eröffneten Wertungs- oder Billigkeitsentscheidungen.

Quellen

  • Art. 18 Bundes-Verfassungsgesetz (B-VG), RIS.
  • § 1 Strafgesetzbuch (StGB), RIS.
  • § 904 Allgemeines bürgerliches Gesetzbuch (ABGB), RIS.
  • § 83 Ehegesetz, RIS.
  • Grabenwarter/Kodek/Pabel/Spitzer, Einführung in die Rechtswissenschaften, 7. Auflage, MANZ.
Bewertung dieses Artikels

Teilen   

Kanzlei-Empfehlung

Podcast

Einfach in 3 Schritten einen Anwalt finden, der auf Ihr Rechtsproblem spezialisiert ist

Ein zugelassener Anwalt / eine zugelassen Anwältin ist dafür da, über Rechtsfragen zu beraten und Klienten vor Gericht zu vertreten. Es ist seine Aufgabe, Dienstleistungen im Bereich der Rechtsberatung zu erbringen und Klienten vor Gericht zu vertreten. Mit diesem Wissen kennt er alle relevanten Herausforderungen dieses Systems und ist mit allen einschlägigen Rechtsnormen vertraut.

Fachexperten auf Ihrem Gebiet

Anwalts-Empfehlungen gefiltert durch das RechtEasy-Team -Best Choice der Anwälte in Österreich

Chatbox aufmachen

Klicken Sie auf den blauen Button im rechten unteren Eck und wählen aus, dass Sie eine Anwaltsempfehlung benötigen.

Problem schildern

Erklären Sie, welches Anliegen Sie haben. Gehen Sie hier auch gerne ins Detail.

Zurücklehnen

Unser Team beurteilt Ihre Rechtsfrage und vermittelt den richtigen Anwalt/die richtige Anwältin für Sie in Ihrer Region.

Die Vermittlung ist kostenlos. Der jeweilige Anwalt wird Ihnen vorab die genauen Kosten mitteilen, sodass Sie immer die volle Kontrolle haben.

Rechts unten den Chat öffnen, Rechtsfrage stellen und gleich vermitteln lassen.

Jetzt zum Newsletter anmelden!

Auf RechtEasy befinden sich über 7500 Begriffserklärungen und juristische Ratgeber, die von Rechtsanwälten und Juristen verfasst wurden